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Bearbeitung

Wenn die Aufnahmen "im Kasten" sind, beginnt die zweite, ebenso wichtige Arbeitsphase: die "Postproduction". Die deutsche Übersetzung "Nachbearbeitung" klingt ein bischen so, als müsste man nur gelegentlich ein paar Details verbessern - doch natürlich ist das ein oberflächlicher Trugschluss! In der Postproduction entsteht erst der eigentliche Film, man darf für diese Phase mindestens genausoviel Zeit einplanen wie für Vorbereitung und Dreh, eher sogar deutlich mehr, je nachdem wie sorgfältig man sich auf den Dreh vorbereitet hat.

Wieviel Zeit man tatsächlich braucht, hängt auch davon ab, wie man sich die Arbeit organisiert, insbesondere welche Schritte man in welcher Reihenfolge macht - also vom sogenannten "Workflow". Leider gibt es nicht den einen, optimalen Workflow, sondern jeder Filmemacher muss - mit Blick auf die verwendete Technik und die zur Verfügung stehende Software - sein Vorgehen individuell planen.

Im Folgenden werden zunächst die wichtigsten Teilschritte bei der Nachbearbeitung kurz vorgestellt und dann an Beispielen erläutert. Dabei gehe ich von getrennten Aufnahmen aus einem AVCHD-Kamera-Paar aus und setze kostenlose bzw. günstige Software ein; Besitzer von Stereokameras und Anwender teurerer Schnittprogramme können oder müssen stellenweise anders vorgehen, die Grundideen sind aber die gleichen.

To-Do-Liste

Was muss in der Postproduction alles erledigt werden?

Import

So banal es klingt: natürlich müssen die gedrehten Clips in den Rechner übertragen werden! Dazu gehört aber auch die sinnvolle Ablage und ggf. Benennung der Clips und ggf. Tonaufnahmen, so dass man in späteren Schritten den Überblick behält und Zeit spart.

Aussortieren

In der Regel wird nur ein geringer Bruchteil der gerdrehten Aufnahmen auch wirklich im Film erscheinen. Je früher man die unbrauchbaren oder unnötigen Aufnahmen aussortiert, desto übersichtlicher werden die folgenden Arbeitsschritte. Insbesondere kann man sich unnötige Arbeiten ersparen, wenn man z.B. nur die wirklich benötigten Clips justiert und stabilisiert. Andererseits stellt man vielleicht erst im weiteren Verlauf der Bearbeitung fest, dass einzelne Clips unbrauchbar sind oder andere sich besser in den Schnittrhytmus einfügen würden - es spricht daher auch einiges dafür, Clips erst möglichst spät im Prozess auszusortieren...

Formatwandlung

Nicht jedes Schnittprogramm kommt mit jedem Video-Format klar, daher müssen die Aufzeichnungen oft in ein anderes, allgemein verständliches Zwischen-Format verwandelt werden ehe man damit arbeiten kann. Insbesondere das MVC-Format der neuesten Stereokameras wird bislang nur sehr unzureichend unterstützt! Die Umwandlung kann entweder direkt beim Import von der Kamera oder erst beim Öffnen im Video-Programm geschehen; besonders zeit-, speicher- und qualitäts-schonend sind Umwandlungen "on the fly" über Frameserver wie AviSynth.

Ebenfalls in diesen Bereich gehören Anpassungen der logischen Struktur der 3D-Aufnahmen (meist "Layout" genannt), die entweder in getrennten Dateien, in getrennten Datenströmen innerhalb einer Datei oder sogar als neben- oder übereinander liegende Bildbereiche innerhalb eines einzigen Datenstroms vorliegen können. Hier muss das Ziel eine konsistente Verarbeitung der Teilbilder während des gesamten Workflows sein, die Umwandlung in des spätere Ausgabe-Layout erfolgt unabhängig davon ganz am Ende der Bearbeitungskette.

Deinterlacing

Zeilenweise verschachtelte Aufnahmen, z.B. von den gebräuchlichen AVCHD-Kameras im Aufnahmemodus 50i (also 50 Halbbilder pro Sekunde) müssen vor der Weiterverarbeitung in "progressive" Aufnahmen umgerechnet werden. Dabei kann man entweder je zwei Halbbilder zu einem Vollbild bei halber Bildrate verweben (z.B. 50i => 25p), oder man interpoliert aus jedem einzelnen Halbbild ein Vollbild bei gleicher Bildrate (z.B. 50i => 50p). Dieser Schritt muss auf jeden Fall vor den Geometrie-Operationen erfolgen, da sonst "Kammartefakte" und andere Bildstörungen vorprogrammiert sind.

Synchronisieren

Aufnahmen von Kamerapaaren starten nicht immer bildgenau gleich, daher müssen Anfangs- und Endbild der linken und rechten Aufnahme meist von Hand aufeinander abgestimmt werden - bei Stereokameras ist das natürlich unnötig. Und wenn man schon dabei ist, kann man auch gleich noch eine evtl. extern aufgezeichnete Tonspur passend zum Bild zurecht schneiden.

Stabilisieren

Ruckelnde Schwenks und handgehaltene Aufnahmen - egal ob in 2D oder 3D - gewinnen durch eine nachträgliche Bildstabilisierung das gewisse Maß an Ruhe, das professionelle Aufnahmen in der Regel auszeichnet. Leider sind die Stabilisierungs-Funktionen aller Schnittprogramme auf die Korrektur zweidimensionaler Bilder ausgelegt und taugen nur sehr beschränkt für 3D-Aufnahmen. Hier schafft der kostenlose "Stereo-Deshaker" Abhilfe.

Justieren

Praktische alle 3D-Aufnahmen müssen geometrisch korrigiert werden, bei Kamerapaaren sowieso, und auch bei Stereokameras lohnt sich zumindest eine Geometrie-Kontrolle. Dabei werden die unvermeidlichen Seiten-, Höhen-, Rotations- und Trapez-Fehler durch geometrische Operationen kompensiert. Gleichzeitig wird dabei auch ein Teil des Bildes beschnitten (um schwarze Ränder zu vermeiden) und die Tiefenlage der Szene (vorläufig) festgelegt. Beides muss aber möglichst zurückhaltend geschehen, denn die endgültige Wahl der Bildtiefe und des Bildausschnitts sollte erst beim Schnitt erfolgen!

Helligkeits- & Farbkorrektur

Beim Einsatz automatischer Funktionen für die Belichtung und den Weißabgleich können die linke und rechte Ansicht einer Stereo-Aufnahme sehr unterschiedlich ausfallen, insbesondere Aufnahmen mit Hilfe von Spiegelboxen sind hier betroffen. Während leichte farbliche Abweichungen von den Augen gut kompensiert werden und im 3D-Bild kaum auffallen müssen Helligkeits- bzw. Kontrast-Unterschiede unbedingt korrigiert werden. Das ist nicht immer einfach und manchmal nur unzureichend möglich, da gerade die hoch komprimierten AVCHD-Aufnahmen von Consumer-Kameras kaum Spielräume lassen. Besitzer von Stereokameras können diesen Schritt in der Regel auslassen.

Schnitt

Vergleichsweise spät in der Verarbeitungskette kommt der eigentliche Filmschnitt, der sich in weiten Teilen nicht vom Schneiden in 2D unterscheidet. Allerdings muss man nun neben vielen anderen Aspekten zusätzlich über die Tiefenstaffelung aufeinanderfolgender Bilder achten und große Sprünge vermeiden, und insgesamt sollte man einen Tick ruhiger schneiden, damit die Augen Zeit zum Erfassen der neuen Szene haben. Viele beim 2D-Schnitt beliebte Bildeffekte und Blenden funktionieren in 3D nicht, oder anders als gewohnt. Compositing-Aufgaben, insbesondere Chromakeys und Titeleinblendungen müssen die zusätzliche Dimension berücksichtigen.

Vorschau

Neben der üblichen 2D-Vorschau, die auch für 3D-Filme im Rohschnitt genügt, sollte man eine Möglichkeit zur 3D-Vorschau an kritischen Stellen - z.B. Szenenwechseln oder Effekten - besitzen. Dabei empfiehlt sich auch die regelmäßige Kontrolle kritischer Szenen auf einem richtig großen Bildschirm oder, noch besser, auf einer Leinwand projiziert, denn die räumliche Wirkung einer Szene hängt ganz entscheidend von der Bildgröße ab.

Export

Der fertig geschnittene Film kann auf verschiedene Arten exportiert werden, je nachdem, was man anschließend damit vorhat. Die "Königsdisziplin", also der Export als BluRay3D, beherrschen zur Zeit nur wenige sehr teure Spezialprogramme sowie - mit Abstrichen - Sony Vegas; für die meisten Zwecke reicht jedoch die selbst in kostenlosen Programmen verfügbare side-by-side-Ausgabe.

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