Sie sind hier

Was nicht sein darf...

Gesunde Menschen mit zwei gleich starken (oder passend korrigierten) Augen merken in der Regel gar nicht, dass ihr fusioniertes Weltbild aus zwei unabhängigen Ansichten zusammen gesetzt ist. Doch sobald die Augen widersprüchliche Informationen liefern, werden wir uns unserer Zweiäugigkeit bewusst. Für eine ungestörte, entspannte Betrachtung stereoskopischer Bilder oder Filme dürfen sich die beiden Teilbilder daher nur in seitlichen Lage der Bildobjekte unterscheiden (daraus bestimmen wir ja über die Parallaxe die Objektdistanz), alle anderen Aspekte der beiden Teilbilder müssen dagegen völlig gleichartig sein. Schon kleine Abweichungen können überraschend starke Aufmerksamkeit erregen und die Raumwahrnehmung stören.

Beim Filmen in 3D, insbesondere mit eigentlich nicht dafür vorgesehenen Kameras, können sehr leicht Bildunterschiede auftreten. Bevor wir in einem späteren Kapitel sehen, wie man die hier gezeigten Fehler nicht macht, möchte ich zunächst ein paar Beispiele für deren Wirkung geben. Dabei setze ich zum Teil Raumbilder ein, es empfiehlt sich also, sich für die nächsten Absätze mit einer Stereobrille zu bewaffnen...

Verschiedene Schärfe

Wenn ein Teilbild unscharf ist, merken wir das zunächst mal gar nicht - das Gehirn übernimmt die scharfen Konturen des besseren Bildes in das fusionierte Gesamtbild. Erst wenn wir abwechselnd die Augen schließen, wird der Unterschied deutlich. Allerdings vermutet unser unterbewußtes Qualitätsmanagement irgendeine Beeinträchtigung, z.B. eine Wimper vor dem Auge, und wir verspüren den Drang zu blinzeln, oder das "blockierte" Auge zu reiben. Beim längeren Betrachten ermüden die Augen schneller: das eine, weil es mehr "Seharbeit" leisten muss, das andere, weil es ständig vergeblich versucht, die Linse auf ein unscharfes Bild scharf zu stellen.

Verschiedene Helligkeit

Unsere Augen passen sich an die Helligkeit der Umgebung an, indem sich die Pupille je nach Lichteinfall verengt oder weitet; doch die Adaptionsfähigkeit ist begrenzt. Große Helligkeitsunterschiede zwischen den Teilbildern nehmen wir als "Glanz" wahr, in Extremfällen sogar als "Flimmern". Außerdem enthalten zu dunkle oder zu helle Bilder weniger Bildinformationen, wodurch die Fusion beeinträchtigt werden kann:

Verschiedene Färbung

Farbunterschiede zwischen dem linken und rechten Teilbild stören beim Stereosehen weit weniger, als wenn man die Teilbilder direkt vergleicht. Deswegen gelingt es uns die Stereopsis sogar bei komplett unterschiedlich eingefärbten Bildern, wie z.B. den weit verbreiteten rot/cyan-Anaglyphen. Um die Wirkung unterschiedlich gefärbter Teilbilder beurteilen zu können, sollte das folgende Bild natürlich mit einer vollfarbigen Darstellungart (Polfilter, Shutter, Spiegel, Prismen, ...) betrachtet werden:

Farbunterschiede gehen allerdings oft mit unterschiedlichen Helligkeits- und Kotrastverläufen einher, die sich deutlich stärker störend auswirken können. Eine Korrektur der Farbkurven ist daher bei offensichtlich verschieden gefärbten Aufnahmen trotzdem stets anzuraten.

Höhenfehler

Seitlich verschobene Bilder sind beim Stereosehen ein völlig normaler Teil der Tiefenwahrnehmung. Doch nach oben oder unten versetzte Bildteile kommen normalerweise nicht vor, da die Augen ja auf gleicher Höhe im Kopf angeordnet sind. Die Augenbewegungen sind auch stets so koordiniert, dass beide Augen gleichweit nach oben bzw. unten gedreht werden. Höhenfehler wie im folgenden Bild, bei dem die Mündungsöffnung der Kanone im rechten Teilbild (hier cyan-farben) deutlich höher liegt als im linken (hier rot eingefärbt), können wir daher nur unvollständig kompensieren, die ungewohnte Augenbewegung schmerzt regelrecht:

Entsprechend gelingt es uns auch in der Regel nicht, das hintere und das vordere Ende der Kanone gleichzeitig zu fusionieren:

Rotationsfehler

Unsere Augen können sich zwar nach links, rechts, oben und unten drehen, aber eine Rollbewegung um dir Blickachse ist anatomisch nicht vorgesehen. Daher können wir Bilder, die um diese Achse verdreht sind, nicht korrigieren, und nur sehr geringe Abweichungen fusionieren. Im folgenden Bild kann man den Rotationsfehler am besten an den Balken um die Bühne und den von Jutesäcken verdeckten Monitorboxen am unteren Bildrand erkennen, denn in der rot/cyan-Überlagerung zeichnen sich hier links und rechts genau entgegen gesetzte Farbsäume ab:

Da sich Rotationsfehler hauptsächlich am Bildrand auswirken, ist die Fusion im Bildzentrum noch möglich, weiter außen dagegen kaum noch:

Beide vorgenannten Fehler lassen sich bei Kamerapaaren durch eine entsprechend sorgfältige Justierung der Kamera-Halterungen verringern, meist aber nicht ganz vermeiden. Selbst bei kommerziellen Stereokameras wie Fujis W3 oder Sonys TD10 kommen Höhenfehler ab Werk vor. In jedem Fall lohnt sich also die nachträgliche Feinkorrektur in einem geeigneten Videoschnittprogramm!

Größenunterschied

Obwohl unsere Augen streng genommen die Fokussierung durch eine Änderung der Linsenbrennweite erreichen sind die von beiden Augen wahrgenommenen Bilder doch in engen Grenzen gleich groß. Bei zwei Videokameras mit Zoomobjektiven kann es dagegen leicht passieren, dass die Objektiv-Brennweiten unterschiedlich eingestellt sind (die Bilder also verschieden nah "rangezoomt" sind). Die daraus resultierenden Größenunterschiede bereiten erwartungsgemäß Probleme, wie das folgende Beispiel zeigt, bei dem das linke Bild um 10% vergrößert wurde:

Fehlende Bildteile

Unser Gehirn ist ständig bestrebt, einander entsprechende Strukturen in den Bildern beider Augen zu erkennen und zu fusionieren. Wenn das wider Erwarten nicht gelingt, "markiert" das Gehirn die Bildteile, zu denen es keine Entsprechung findet. Dadurch können wir selbst kleinste Detailunterschiede in zwei ansonsten identischen Bildern mit Leichtigkeit erkennen, wie das folgende Bilderrätsel zeigt:

In diesem Steckbrett wurden zwischen dem linken und dem rechten Bild zwei Pins entfernt. Während man in der obigen Ansicht regelrecht alle Pins durchgehen muss, um die Veränderung zu entdecken, zeigt das folgende "3D"-Bild (das in diesem Fall keines ist) die Unterschiede mit überraschender Deutlichkeit:

Asynchrone Teilbilder

Videokameras laufen nicht immer synchron, daher kann es passieren, dass ein Teilbild etwas später als das andere aufgenommen wird. In dieser Zeit können sich kleine Veränderungen im Bild ergeben, die man im Vergleich der zwei Teilbilder kaum wahrnimmt, die aber - ähnlich wie beim eben betrachteten Suchbild - im fusionierten Stereobild deutlich hervorstechen:

Diese beiden Bilder wurden nur ca. 1/50 Sekunde (= 0,02 Sekunden) versetzt aufgenommen, doch diese Zeit genügt dem fallenden Stock, um die Stereofusion unmöglich zu machen:

Besonders problematisch sind asynchrone Aufnahmen, wenn sich Objekte seitlich durch das Bild bewegen, deren Tiefe dann falsch interpretiert werden kann. Im folgenden Beispiel fährt eine Dampflok von links nach rechts durch's Bild, doch die rechte Aufnahme ist etwas später entstanden als die linke, daher ist die Lok im rechten Bild ein bischen weiter links als sie eigentlich (bei gleichzeitigen Aufnahmen) sein dürfte. Durch diese zusätzliche seitliche Verschiebung ändert sich die Parallaxe, und wir nehmen die Lok in der falschen Tiefe wahr:

Fangfrage: wo sehen Sie die Lok? Wird sie vor oder hinter dem Signalmast vorbeifahren?

Das folgende Bildpaar wurde wenig später (und synchron) aufgenommen, hier sehen wir eindeutig, dass die Lok hinter dem Signalmast vorbeifährt:

Die letzten Beispiele zeigen, dass beim 3D-Filmen die synchrone Aufnahme eine besonders wichtige Rolle spielt. Tatsächlich ist die notwendige Synchronisierung der beiden Kameras auch eines der größten Probleme, mit denen sich viele Hobby-Filmer herumschlagen müssen....

Korrekturmöglichkeiten?

Es gibt also eine schier unendliche Fülle von Problemen, die bei stereoskopischen Aufnahmen auftreten und die Raumwahrnehmung beeinträchtigen können. Die meisten davon lassen sich beim Dreh leicht vermeiden, in der Nachbearbeitung jedoch kaum mehr korrigieren - eine sorgfältige Vorbereitung der Aufnahme ist bei 3D-Film daher noch viel wichtiger als beim klassischen Filmen.

Farbe, Helligkeit und Kontrast kann man zwar in jedem Schnittprogramm beeinflussen, aber um z.B. Aufnahmen von unterschiedlichen Kameramodellen so gut abzugleichen, dass die Unterschiede nicht mehr auffallen, braucht man nicht nur leistungsfähige Software, sondern vor allem ein gutes Auge; und bei Helligkeits- bzw. Kontrastkorrekturen werdne sehr schnell Blockartefakte und Quantisierungsstufen sichtbar, die den in Hobby-Kameras verwendeten Kompressionsverfahren geschuldet sind.

Einzig die Geometriefehler (Rotation, Größe und Höhenfehler) sind praktisch unvermeidlich, aber vergleichsweise zuverlässig zu korrigieren; dennoch sollte man sie schon bei der Aufnahme möglichst gering halten.

Inhalte dieser Seite können im Stereoforum diskutiert werden!

Theme by Danetsoft and Danang Probo Sayekti inspired by Maksimer